Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen – Rainer Maria Rilke

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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke
In groeiende kringen leef ik mijn leven

In groeiende kringen leef ik mijn leven.
Ze strekken zich over de dingen uit.
De laatste voleinden is mij niet gegeven
wellicht, maar ‘k waag het met hart en huid.

In kringen rond God, de oeroude burcht,
beweeg ik mij zwevend al eeuwen lang,
niet wetend: ben ik een valk, het gerucht
van een storm of een verheven gezang.


vert. prof. Piet Thomas

Der Schauende – Rainer Maria Rilke

Der Schauende



Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.


Rainer Maria Rilke

Uit: Das Buch der Bilder

Rosa Hortensie – Rainer Maria Rilke

Stockholm 2007

Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an? Wer wußte auch, 
daß es sich sammelte in diesen Dolden? 
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden, 
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch. 

Daß sie für solches Rosa nichts verlangen. 
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft? 
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen, 
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft? 

Oder vielleicht auch geben sie es preis, 
damit es nie erführe vom Verblühn. 
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün 
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß. 

Rainer Maria Rilke
Uit: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908)
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